Der Blendeffekt

Es gibt Tage beim Zanderspinnangeln, an denen es an guten Plätzen Schlag auf Schlag geht und sich die Räuber schier besinnungslos auf die verschiedensten Köder stürzen und eben solche, an denen man ohne nennenswerten Kontakt leicht frustriert das Feld räumt. In keiner anderen Jahreszeit liegen Erfolg und Frust oft so dicht aneinander wie im Winter. Klar – die Fische sind träge, haben wenig Energie und dadurch fallen ihre Fressphasen auch sehr kurz aus.

C Sebastian Hänel

Ich kann mich noch gut an einen Angeltag im Dezember 2004, an dem ich mit zwei Kollegen, die zum ersten Mal mit zum Spinnfischen auf diesen spannenden Raubfisch dabei waren, an einem Baggersee erinnern. Es herrschten milde sieben grad Außentemperatur und der Himmel war bedeckt, bei leichtem Wind. Ein guter Winterstandplatz der Zander, der gut vom Ufer aus angeworfen werden konnte, war mir an diesem Gewässer wohl bekannt. Und so fischten wir mit unseren Gummiködern, langsam und gefühlvoll, den Gewässerboden, auf cirka fünfzehn Metern Tiefe nach beißwilligen Fischen ab. – Und wie beißwillig sie waren!  Es vielen in wenigen Stunden Angelzeit genau sechsunddreißig Zander und fünf Barsche auf unsere Köder herein, sodass wir ein Zanderangeln der absoluten Königsklasse erlebten. Für die beiden Neueinsteiger auf diesem Gebiet war diese Erfahrung überwältigend.

Eine gute Woche später wollten sie mit mir an gleicher Stelle nochmals dem Erfolg frönen, den sie bei ihrem sonst bevorzugten Ansitzangeln mit Köderfischen in dieser Form noch nie erlebten und es auch nicht für möglich hielten, auch um die Mittagszeit, so viele Zander an die Angel zu bekommen. – gilt er doch als ausgesprochen Nachtaktiver Raubfisch.

Bei unserem zweiten Versuch mit gleicher Technik am selben Platz war meine Euphorie bereits im Vorfeld gedämpfter als bei meinen Kollegen. Denn an diesem Tag sollte die Sonne die gesamte Tour lang vom strahlend blauen Himmel scheinen. „Ist doch super Angelwetter“, meinte einer der beiden. „Nicht so grau und ungemütlich wie beim letzten Mal“, entgegnete der Andere, als sie dabei waren voller Vorfreude ihre Ruten zusammen zu stecken. In dem Glauben schon bald den ersten Zanderbiss durch die Rute knallen zu spüren. Als dies auch nach einer Stunde konzentriertem Angeln nicht geschah, wurde begonnen mit den Köderfarben zu experimentieren und andere Modelle auf noch größere Wurfdistanz zu katapultieren. Nach der zweiten Stunde konnte man bereits den ersten Seufzer hören, der die gespannte Stille unterbrach. Irgendwann wurde dieser durch Sätze wie: „Das gibt’s doch nicht“ oder: „Sind die Zander heut wo anders?“ ersetzt. Am Ende des Angelns hatten wir aber dennoch ganze zwei spitz beißende Exemplare überlisten können – ein deutlich schlechterer Schnitt als in der Woche zuvor, obwohl Köder, Platz und Führungstechnik identisch gewesen sind.

Ein Sonniger Wintertag steht an. Das bedeutet meist zähes Zanderangeln.

Ein Sonniger Wintertag steht an. Das bedeutet meist zähes Zanderangeln.

Die Fische waren wie beim letzten Mal noch am selben Platz und standen, wie im Winter halt Typisch, mit den Unterkiefern nur wenige Zentimeter über Grund –  doch diesmal, trotz allen Versuchen, starr und still!

Was verdarb den Fischen an diesem Tag den Appetit? Aus vielen solcher zähen Winterangelstunden weiß ich, dass die Sonneneinstrahlung das blanke Gift für den Jagdtrieb des Zanders ist. Er ist und bleibt eben ein bevorzugt nachtaktiver Fisch, der sich nach der nächtlichen Jagdtour gern einmal auf die faule Haut, ähm – Flossen, legt. An trüben und dadurch lichtschwachen Tagen ist der Fang von gleich mehreren Glassaugen meist viel einfacher, da sie dann auch außerhalb der Nachtstunden besser auf potenzielle Beute reagieren und einen direkt am Standplatz angebotenen Verführer gern mit aller Wucht aufs Korn nehmen.

bei bedecktem Himmel reagieren Zander meist besser auf Kunstköder. Wie hier auf einen "Zanderkant Junior-Kauli"

bei bedecktem Himmel reagieren Zander meist besser auf Kunstköder. Wie hier auf einen „Zanderkant Junior-Kauli“

Bei strahlendem Sonnenschein mit gleißendem Licht vom winterkalten, blassen Himmel hingegen, schalten die launischen Räuber einfach auf Durchzug und sind höchstens durch ihre Neugier an den Haken zu bekommen.

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Sachte „Anfasser“ spitzes Zucken in der Schnur beim Absinken des Gummifischs und die typischen Festhaltebisse sind der Indikator für genau dieses Verhalten, welches sich immer bei hellen Lichtverhältnissen und auch Luftdruckschwankungen zeigt. Zwar hat man an tiefen Gewässern mit entsprechender Trübung, wie unserem Baggersee, dann immer noch die besten Chancen, dass einer der Räuber es mit seiner Neugier übertreibt und der Haken in diesem Moment im Maulbereich fasst. In flachen Flüssen und Kanälen hingegen tendieren diese aber fast gegen Null, weil die Fische einfach nicht fressen und fast regungslos am Grund verharren, bis der Abend kommt.

Baggerseezander im März. An diesem sonnigem und damit zu hellem Tag, bissen die Glaßaugen erst im abschwächdenem Licht der Dämmerung.

Baggerseezander im März. An diesem sonnigem und damit zu hellem Tag, bissen die Glaßaugen erst im abschwächdenem Licht der Dämmerung.

In den oft noch flacheren holländischen Poldergräben beispielsweise ziehen sich die Lichtscheuen Gesellen, trotz des enorm trüben Wassers gern unter dunkle Brücken zurück, um der UV-Bombardierung zu entgehen – und dort bleiben sie während dieser Zeit auch in Beißlaune und somit fangbar. Wenn es dunkel genug ist wird unser lichtscheuer Zielfisch aktiver und lässt ein interessantes Beuteangebot in den meisten Fällen nicht außer Acht.

Je klarer hingegen das Wasser oder je flacher die Angelstelle ist, desto verstärkter wird man diesen Effekt beim ausfischen der Bereiche bemerken und vor dem einsetzten der Dämmerung so gut wie keinen verwertbaren Biss verzeichnen können, obwohl man der festen Überzeugung ist, dass die Stachelträger am Platz sein müssen.

Im Sommer hingegen ist der Stoffwechsel der Fische so hoch, dass sich die Ruten auch unter prallem Sonnenschein kräftig durchbiegen werden. Also achten Sie bitte darauf, wenn Sie sich in der kalten Jahreshälfte beim Spinnfischen mit den Zandern anlegen wollen. Ein bedeckter Himmel der bei den meisten Menschen triste Gemütszustände hervorruft, wird dem Zanderangler am Wasser mächtige Adrenalinstöße bescheren und demnach für entspannende Glückshormone sorgen. Mistwetter ist eben besseres Zanderwetter!

Über den Autor

Sebastian Hänel

Sebastian Hänel ist Redaktionsmitarbeiter bei den Fachmagazinen FISCH & FANG und DER RAUBFISCH. 1984 im beschaulichen Westerzgebirge geboren, kam Sebastian mit 12 Jahren zum Angeln. Heute gibt der gelernte Forstwirt in spannenden Vorträgen auf Fachmessen und Seminaren Einblicke in seine Welt des Zanderangelns. Im Blog der FISCH & ANGEL schreibt Sebastian über seine Praxiserfahrungen und gibt wertvolle Tipps.

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